Ein Kindheitstraum wird wahr!

Mein Wunsch, selber einen Boxer zu besitzen, erfüllte sich 1962, als ich mit meinem Mann nach Kenia ausreiste. In Nairobi hatten wir das Glück, den Züchter Mr. Glass zu treffen. Seine Hündin Champion Panmure Petite warf aus der Paarung mit dem holländischen Rüden Erosso, der sich im Besitz des US-Generalkonsuls, Mr. Freund, befand, drei gesunde Welpen, zwei Hündinnen, Ambrosia und Artemis, sowie einen Rüden, "Atlas". Dieser sollte unser erster Boxer werden.

Im Alter von 8 Wochen holten wir ihn zu uns. Was galt es nun zu beachten? Wir lernten schnell, dass ein Hund kein Gegenstand ist, den man je nach Bedarf hervorholt oder in die Ecke stellt. Als stolze Boxerbesitzer hatten wir Pflichten übernommen, und sehr bald wurden wir auch mit dem Gefühl der Abhängigkeit konfrontiert.

Klein-Atlas wuchs uns rasch ans Herz. Haltung, Pflege und Ernährung richteten sich weitgehend nach den Empfehlungen des Züchters. Aus Unkenntnis ließen wir den kleinen Kerl allerdings "wie in freier Wildbahn" aufwachsen. Er ging, wann er wollte und kam nur zum Fressen und Schlafen nach Hause. Gehorsam war für ihn ein Fremdwort. Dies zeigte sich besonders später, wenn er nachts mit seinem Freund "Mr. Kunikel", einem ca. 6 Jahre alten Boxerrüden aus der Nachbarschaft, jagte und trotz wiederholten Rufens seines Namens nicht zu bewegen war, ins Haus zurückzukehren.

Nach vielen drolligen Vorkommnissen - wer von uns hat sie nicht mit seinem jungen Boxer erlebt? - nahte die erste Ausstellung. Gerade 7 Monate alt musste man sich im Mitchell Park in Nairobi der Konkurrenz stellen. Obwohl im Ring sehr ungestüm, erhielt "Atlas" das Prädikat "very promising dog" und errang damit den zweiten Platz in seiner Klasse. Was dieses "vielversprechend" für einen Wert hatte, zeigte sich 6 Monate später auf der Championship Show am gleichen Ort, zu der extra der international bekannte Richter, Mr. Stanley Dangerfield, London, eingeflogen wurde.

Unser Vierbeiner hatte sich prächtig entwickelt, und wir zeigten ihn auf der E.A.K.C. CHAMPIONSHIP SHOW in NAIROBI am 16.3.1963. Gemeldet in den Klassen Junior, Novice, Graduate und Open gewann "Atlas" 6 CUPS and TROPHIES. Die Freude war groß, als der Richter, Mr. Dangerfield, "Atlas" jeweils auf den ersten Platz stellte. Dies bedeutete u.a. auch den Gewinn des "CHALLENGE CERTIFICATE". Als der Richter ihm dann noch die rote Schleife für "BEST OF BREED" am Halsband befestigte, war unsere Freude vollkommen.

"Atlas" hat in seinen Ahnen den bekannten Edler v. d. Fuhlenburg und Boxer aus Neu-Drosedow sowie vom Haus Germania. Die vielen Champions - allein die Mutter wurde mit 9 CC's ausgezeichnet - sind der Beweis für die Zuchterfolge.

Kurze Zeit später wurde mein Mann an die Küste nach Mombasa versetzt. Die dortigen klimatischen Bedingungen waren beschwerlich für Mensch und Tier. Neben der Hitze litt "Atlas" besonders unter der Moskitoplage. Auf der anderen Seite gab es für ihn viel Neues zu entdecken. Der unser Haus umgebende Garten glich abgesehen von der kultivierten Terrasse einem Sekundärbusch. Welches Getier sich dort aufhielt, erfuhren wir durch "Atlas". Nicht selten kam es vor, dass er uns einen Igel oder eine Schildkröte auf die Veranda legte. Darüberhinaus musste er sich sein Revier erkämpfen gegen verwilderte Katzen - dies ging nicht ohne Kratzwunden ab - und Leguane, mit deren schlag- starken Schwänzen er häufig unliebsame Bekanntschaft machen musste.

Neue Zwischenfälle kündigten sich immer durch lautes Gebell an. Eines Tages war dies besonders heftig und ausdauernd, so dass ich eiligst in den Garten lief. In der Meinung, unser Vierbeiner verbellte wieder einen Leguan, sah ich, wie sich ein schlangenähnlicher Körper aus dem kniehohen Gras aufrichtete. Zu meinem Schrecken, es war wirklich eine Schlange! Jetzt bedauerte ich, dass er keinen Appell kannte. Wiederholt rief ich seinen Namen, aber er kam nicht. Bis mir plötzlich seine Angewohnheit einfiel, immer ein Stückchen hinter mir herzulaufen, wenn ich mit meiner Vespa zum Einkaufen fuhr. Sich auf den Motorroller setzen, starten und losfahren war eins. Gott sei dank, "Atlas" rannte mir nach. Auf gleicher Höhe mit mir, versuchte ich ihn zu greifen und fiel dabei von der Vespa, was nicht ohne Schürfwunden abging. Ein kurzer Blick zurück, die Schlange war verschwunden. Erleichtert zerrte ich meinen Hund ins Haus. Aufgeregt telefonierte ich mit meinem Mann, der sofort mit etwa 20 einheimischen Arbeitern kam, die mit langen Stöcken die Schlange - wie sich herausstellte war es eine Python - aufstöberten und mit Buschmessern töteten.

Ein schöner Tummelplatz für unseren Dicken war die Nyali Beach, ein herrlich weißer Strand bei Mombasa. Wenn wir zum Schwimmen gingen, war er einfach nicht aus dem Wasser zu bekommen, und die starke Brandung schien seine Schwimmlust nur noch zu steigern.

Mit Vorliebe apportierte er von uns in den indischen Ozean geworfene Kokosnussschalen und auch im Ausgraben von Meeresmuscheln war er ein Spezialist. Immer wieder staunten die Einheimischen, wenn er mit seinen kräftigen Vorderläufen z.B. eine Leopardenmuschel ausgrub.

Obwohl nicht ausgebildet, wurde "Atlas" mehr und mehr zum Beschützer seines Frauchens, was mir, da mein Mann viel auf Safari war, ein gutes Gefühl der Sicherheit gab.

Dann kam der Tag, an dem wir nach Deutschland zurückkehrten. Der Transport von "Atlas" erfolgte in einem Frachtflugzeug. Zu diesem Zweck wurde ihm ein komfortabler Käfig (ausstaffiert mit einer Wolldecke) gebaut, in dem wir ausreichend Futter und Wasser deponierten. Unser Wiedersehen in Hamburg war freudig und temperamentvoll. Leider dauerte es nicht mehr lange, und wir mussten von unserem treuen Freund Abschied nehmen. 6 Wochen nach seiner Ankunft in Europa musste unser guter Kamerad eingeschläfert werden, da er sich (wahrscheinlich während des Fluges von Nairobi via London nach Hamburg) eine Leptomeningitis zugezogen hatte, gegen die auch eine intensive Penicillin-Behandlung nicht mehr helfen konnte. "Atlas" wurde nur 18 Monate alt, doch es war mit ihm eine erlebnisreiche und glückliche Zeit.

Meine Freundin und auch Boxer-Enthusiastin die Lyrikerin,
Margot Ehrich, schreibt:



Auf Wellenlänge

Ich hatt' mal einen guten Hund
und ihn zu lieben hatt' ich Grund.
Er sah wie meine Tante aus,
er war ein Boxer und hieß Maus.
Ein Weibchen war er obendrein
und eine Freundin ungemein.
Er konnte jedes Wort verstehn
und sagen: "Ich will Gassi gehn",
und manches klang wie hunga,wau,
ung lu bis loof un mi is mau -
doch wenn man jemand richtig liebt,
ein jeder Laut ein'n Sinn ergibt.